Archiv für die Kategorie ‘Werbung’

Sprachkurs Phrasisch Ⅰ

Montag, 05. Oktober 2009

Phrasisch ist gar nicht so schwer zu verstehen, liebe Kinder, passt mal auf: Ein Buch wird mir als konsequente Fortsetzung eines beliebten Klassikers angepriesen – da ist klar, es handelt sich um einen billigen Abklatsch. Es sei unentbehrlich, heißt es, sowohl für leichte Partyunterhaltung als auch für seriöse Information. Das heißt: Es kann möglicherweise dazu beitragen. Ein andermal lese ich, dass ein Theaterstück sich jeder narrativen oder logischen Auflösung verweigert. Aha, da ist mit chaotischen Szenen zu rechnen, die am Ende auf nichts hinauslaufen! Die taz bezeichnet die Antiquitätenshow „lieb & teuer“ als einen Seismografen der Krise des deutschen Bildungsbürgertums. Gemeint ist natürlich, dass die Sendung ein gutes Beispiel für diese Krise abgibt, weiter nichts. Schließlich die Amazon-Kurzbeschreibung, die uns mitteilt, Franz Kafka habe die Physiognomie des 20. Jahrhunderts entworfen. Das, liebe Kinder, bedeutet – überhaupt nichts. Es ist ein Füllwort, das im Deutschen unübersetzt bleibt.

Blurb Fail

Samstag, 07. Februar 2009

Walter Krämer ist Statistikprofessor – er gastierte mal in meinem Mathe-LK, um für seinen Studiengang zu werben –, Autor vieler populärer Bücher über Irrtümer und sprachliche Irrwege und der Boss einer sprachschöpferischen Aktion mit guten Grundsätzen, deren tatsächliche Auslassungen jedoch im Großen und Ganzen als peinlich zu bewerten sind. Das muss auch sein neuestes Buch sein, falls jedes Buch den Klappentext bekommt, den es verdient:

Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah: In Deutschland gibt es vieles, was einfach toll ist. Walter Krämer listet es auf. Sein Buch ist für die leichte Partyunterhaltung ebenso unentbehrlich wie für die seriöse Information.

Oh Mann. Da kann man ja hoffen, dass die Listenelemente dieses Buches gekennzeichnet sind, was jetzt Ⅼ.P. und was S.I. ist.

Pott

Montag, 07. April 2008

Ich komme aus Düsseldorf, das von Ortsfremden häufig „dem Pott“, also dem Kohlenpott, also dem Ruhrgebiet, zugeschlagen wird. Ganz unbegründet ist das nicht – Düsseldorf stößt direkt an des Ruhrgebietes Südkante und war der gleichen Industrialisierungswelle ausgesetzt, die das kohlenreiche Ruhrgebiet zu dem machte, wofür es bekannt ist. Dies allerdings insbesondere auch, was die weißkragigen Aspekte angeht (Verwaltungen von Thyssen, Krupp, Mannesmann, Wirtschaftsverbände, Messen) – man sprach vom „Schreibtisch des Ruhrgebiets“.

Mir gefällt enorm, was das Ruhrgebiet in den letzten Jahren aus sich gemacht hat. Letztens war ich mal wieder im Landschaftspark Duisburg-Nord, bei dem tausend Bilder mehr sagen als ein paar Worte, gestern dann spazierte ich durch Oberhausen, an einer Turbinenhalle und einem Gasometer vorbei, die immer noch so heißen, obwohl dort jetzt abgedancet bzw. Kunst ausgestellt wird. Mein Ziel war diesmal nicht so industriehistorisch angehaucht, es war das Schloss Oberhausen mit der Ausstellung Deix in the City, die Werkschau einer wohl ganz großen Nummer im Malen menschlicher Schwächen.

Mir kommt es so vor: Manfred Deix‘ Karikaturen übertreiben die Realität und schaffen es dabei fast immer, nicht nur die Zustände zu verspotten, sondern auch die, die sich über die Zustände aufregen. Und zwar heftig. Immer hat man das Gefühl „Huch, wen wollte er damit letztlich aufspießen?“ Diese Doppelbödigkeit fand ich beachtlich, ansonsten fand ich’s soso lala, ein Humor, den seine Derbheit nicht immer zu voller Blüte treibt.

Wollte ich also eine Chance haben, am selben Tage noch richtig begeistert zu werden, müsste ich eine weitere Ausstellung besuchen, und ich wählte Radical Advertising im Düsseldorfer NRW-Forum. „Erwarten Sie bitte keine besonders originelle oder aufwändige Werbung“, wurde sinngemäß gewarnt, aber leider erst nach dem Eintritt. „Hier geht es um systemverändernde Werbung.“ Inwiefern die gezeigte Werbung systemverändernd war, erschloss sich mir nicht. Im ersten Teil gab es einzelne Beispiele für Guerilla‑ und virales Marketing – hier hat es ein Museum schwer, einen besseren Überblick zu verschaffen als z.B. scaryideas oder YouTube. Von einem radikalen Paradigmenwechsel, der der zeitgenössischen Werbung im Geleittext großspurig bescheinigt wird, ist jedenfalls nichts zu sehen. Dafür unterscheiden sich in Haltestellenwände eingelassene Riesensandalen dann doch nicht genug von Plakaten und zieht es nicht weit genuke Kreise, wenn ein Baumarkt sich mal den Spaß erlaubt, einen Netzkult um einen fiktiven Stuntman auszulösen.

Auch im zweiten Teil kein Paradigmenwechsel, jedenfalls kein kontemporärer: Gezeigt wird Schockwerbung (Benetton, natürlich, und Diesel) aus längst vergangenen Jahrzehnten. Mag ja sein, dass das damals systemverändernd war, aber irre ich, oder ist die Ironie in der Werbung eine Randerscheinung geblieben? Als drittes Thema ein bisschen Adbusting.

Insgesamt habe ich mich von diesem Sonntag denn aber doch gut unterhalten gefühlt. :-)

Spendenstichwort

Montag, 07. April 2008

Heute sah ich ein Plakat der Diakonie – mit Spendenkontonummer, Bankleitzahl und Stichwort. Letzteres heißt auf den Formularen meiner Bank allerdings immer noch „Verwendungszweck“, und da nun „Krieg und Vertreibung“ reinschreiben…?

Tabus

Freitag, 04. April 2008

Ein Tabu zu brechen ist schwierig, weil man dafür an einer Quelle des Mainstreams sitzen muss. Abseits dessen gibt es ja kaum noch welche. Vor zwanzig Hanseln auf einer Provinzbühne unter Zuhilfenahme von Hühnerblut zu kopulieren, damit möge mir keiner kommen, das haben schon tausende gemacht. In der Fernsehwerbung ist dagegen noch manches Tabu zu brechen, und eins hat DMAX gerade, wie ich finde, erfolgreich gemeistert:

BMW-Werbung

Donnerstag, 16. September 2004

Ist es nicht Freude,
die uns unsere CDs zertreten lässt?

West

Donnerstag, 09. September 2004

Jahrelang wurde für die Zigarettenmarke West mit den Bildern schriller Flirtender geworben. Vor einiger Zeit war man wohl der Meinung, es müsse etwas Neues her. Das Ergebnis war abscheulich. Über die Parole „Für mehr Handlung in Pornos!“ und vor allem die zugehörige Kinowerbung will ich mal gar nichts sagen, aber folgende beiden waren dreist: „Für Männer, die Gefühle zeigen!“ und „Für auch mal Fehler machen dürfen!“ Diese Forderungen sind ethische Gemeinplätze und Selbstverständlichkeiten, aber West stellt sich als ihr Apostel hin, der neue Maßstäbe setzt und die Menschheit endlich davon befreit, keine Fehler machen zu dürfen, und die Männer davon, keine Gefühle zeigen zu dürfen. Vielen Dank, aber jeder Mensch bei Trost akzeptiert schon lange Gefühlsäußerungen bei Männern und verzeiht Fehler und bedarf keiner Unterstützung durch dumme Zigarettenwerbung. Wäre dem nicht so, hätte West sich natürlich nie erfrecht, derart Originelles zu fordern. So aber darf man auf die entsprechende Zustimmung hoffen:

„Hallo, ich bin die Nadine aus Castrop-Rauxel, und ich bin da ehrlich gesagt voll d’accord, mit dem, was West da fordert. Nee, das klingt jetzt vielleicht komisch oder so, sorry, ne, aber ich bin da irgendwie voll dafür, dass man auch mal Fehler machen darf, ich mein, Tschuldigung, das ist ja auch irgendwo eine Frage der Lebenseinstellung. Find ich. Also, das ist zumindest meine Meinung. Nee, ich bin da ganz offen, ich bin jetzt echt nicht so’n Mensch, der sich da hinstellt und sagt: Man darf jetzt keine Fehler machen und so. Das gehört auch einfach dazu, dass man das akzeptiert, wenn mal jemandem was passiert, ich mein, jeder macht mal Fehler. Jeder. Das ist jetzt so meine Überzeugung und so, und da steh ich auch zu. Von daher kann ich nur sagen: Man soll schon auch mal Fehler machen dürfen.“