Archiv für die Kategorie ‘Literatur’

Mittelhochdeutscheln und metzgern

Donnerstag, 11. März 2010

Meinem humoristischen und meinem musikalischen Schatzkästlein habe ich vorstehend je eine Sammlung zu je zwei Elementen entnommen und hier vorgestellt, zuletzt ist nun mein literarisches Schatzkästlein an der Reihe. Ich bin ja ein Sprachgeek. Will ein Autor mich also komplett gefangennehmen, so schaffe er eine schöne verrückte Kunstsprache und verfasse sein Werk oder große Teile davon in ihr.

Thomas Mann hat das in Der Erwählte getan, der denn auch zu meinen absoluten Lieblingsromanen zählt. Er erschafft ein „sprachliches Mittelalter“, indem er seinem Neuhochdeutsch einen „mittelhochdeutschen Look“ verpasst und ihn mit allerlei ungewöhnlichem romanischem Sprachmaterial würzt. Carsten Bronsemas Doktorarbeit beschäftigt sich eingehend damit (und benutzt an einer Stelle das Verb zerpuzzeln, ich bin begeistert).

Meine nächste Lektüre wird Jonathan Safran Foers Everything Is Illuminated sein. Einer der beiden Erzähler, der junge Ukrainer Alex, schreibt laut Klappentext ein sublimely butchered English, und diese Formulierung ist so vielversprechend wie göttlich. Die Verfilmung hat mich in dieser Hinsicht, wie auch in jeder anderen, jedenfalls schon überzeugt. Ich bin gespannt.

Air Quotes

Mittwoch, 10. März 2010

Anführungszeichen kann man nicht aussprechen. Das ist ein Problem, wenn man Texte mit Anführungszeichen vorliest. Bei Zitaten oder wörtlicher Rede nicht so sehr, da kann man sich die Anführungszeichen aus dem Kontext und der Stimmführung dazudenken. Werden Anführungszeichen aber verwendet, um sich von der benutzten Wortwahl zu distanzieren, um Unglauben oder Ironie auszudrücken, muss man sie irgendwie explizit wahrnehmbar machen. Seriös, aber dem Zuhörer auch leicht entgänglich ist es, vor den angeführten Worten eine hörbare Pause zu machen und sie dann etwas überbetont vorzulesen. So wird es z.B. bei ZEIT Audio gemacht. Max Goldt verwendet auf seinen Lesungen zuweilen die, höhö, Höhö-Methode, höhö, Sie verstehen. Hat man Blickkontakt zum Zuhörer und keine Angst vor dem etwas schlechten Image dieser Geste, wird man dagegen air quotes verwenden.

Bei air quotes hebt man beide Hände auf Kopfhöhe und zuckt – meist zweimal – mit Zeige‑ und Mittelfingern. Häufiger als beim Vorlesen kommen air quotes als Geste beim mündlichen Kommunizieren zum Einsatz. Über ihre schon recht lange Geschichte verrät die englische Wikipädie mehr.

Wie sollen air quotes eigentlich auf Deutsch heißen? Ich dachte erst an Entenfüßchen wegen Gänsefüßchen und weil sie oben in der Luft sind statt unten auf Papier und Enten ja gründeln – nur: Beim Gründeln bleiben die Füße im Gegensatz zum Bürzel unter Wasser, also stimmt das Bild leider nicht. Vorschläge willkommen.

Mein Schatzkästlein des Humors enthält eine bisher zweiteilige Materialsammlung zum dem Thema: einen Ruthe-Cartoon (Air quotes mit Hufen! Göttlich!) und ein Zitat aus der Simpsons-Folge, in der Bart mit einem Doppelgänger aus reichem Hause die Rollen tauscht:

Lisa: Mom, “Bart” has something to tell you.
Marge: Ⅰ don’t like the look of those air quotes.

Geistiger Diebstahl

Dienstag, 23. Februar 2010

Das Urheberrecht ist eine achtenswerte Sache, wiewohl ich glaube, dass die Welt auch ganz ohne es nicht unterginge. Plagiate sind böse, einverstanden. Man merke aber auch: Zitate sind keine Plagiate, sondern legitim. Und in der Literatur müssen Zitate nicht explizit gekennzeichnet sein, zumindest nicht im Text. Sie müssen nur erkennbar sein. Aber Erkennbarkeit hängt natürlich vom Leser ab, deswegen sind solche Zitate von Plagiaten im Zweifel schwer zu unterscheiden.

Der Fall Hegemann bewegt sich offensichtlich in einer Grauzone. Unter den Quellen, die in dem jetzt veröffentlichten sechsseitigen Verzeichnis aufgeführt sind, sind wahrscheinlich beide Sorten von Textübernahmen dabei. Weil es eine Grauzone ist, verstehe ich nicht, wie alle Welt so eindeutige Meinungen dazu haben kann. Eine eindeutige Meinung habe ich in dieser Sache mal wieder hauptsächlich über Leute, die Phrasen wie diese dreschen: „Geistiger Diebstahl ist und bleibt Diebstahl.“ Nein, ist er nicht.

Geistiger Diebstahl ist kein Diebstahl

Ein angeblicher Mörder ist nicht unbedingt ein Mörder. Ein elektrischer Straßenbahnschaffner ist nicht elektrisch. Ein kalter Hund ist kein Hund. Und geistiger Diebstahl ist kein Diebstahl. Ein Diebstahlopfer hat sein Eigentum nicht mehr, ein geistiges Diebstahlopfer sieht sich „nur“ in einem komplizierten Recht auf Selbstbestimmung über das Selbstverfasste verletzt.

Josef Joffe, der uns in der aktuellen Zeit mal wieder einen atemberaubenden Schrott zusammenschreibt, fängt insofern eigentlich ganz vielversprechend an: „Seitdem die Menschheit erzählt, »borgt« und »stiehlt« sie. Aber dann entstand die Idee des »geistigen Eigentums« und des »Plagiats«. (…) Vom 18. Jahrhundert an (…) waren Worte nicht mehr umsonst zu haben; sie gehörten dem Autor, und so entstanden Copyright und Urheberrecht.“

Wir lernen: Das Urheberrecht ist erst kürzlich entstanden, und „entstanden“ bedeutet natürlich: Es wurde von Menschen aus Gründen erfunden und durchgesetzt. Ohne auf diese Gründe irgendwie einzugehen, biegt Joffe, ganz Polemiker, schon im nächsten Satz umstandslos in die kategorische Verteidigung des Urheberrechts ein: „Den Chinesen werfen wir zu Recht das Raubkopieren vor – und Google das Scannen von Millionen von Büchern.“ Zu Recht? Zu welchem Recht?

Und jetzt kommt die entscheidende falsche Behauptung. Sie wird immer wieder gern gemacht, um über die Hintertür des allgemein verbreiteten Respekts vor dem Privateigentum auch die Akzeptanz des Urheberrechts zu steigern. Oder aus Dummheit nachgeplappert: „Worte sind Eigentum – wie Patente und Häuser.“ Nein, sind sie nicht.

Das Eigentum an einem Patent oder einem Haus besteht grob gesagt darin, dass es in den zuständigen Ämtern auf meinen Namen eingetragen ist. Die Tatsache einer solchen Eintragung kann man nicht wie Worte einfach kopieren. Es sind beim Diebstahl wie beim Schutz von Eigentum und geistigem Eigentum völlig verschiedene Vorgänge und Gesetze am Werk, und jeder tut gut daran, auch in seinem persönlichen Rechtsempfinden unterschiedliche Empörungen dafür zu reservieren.

Bei Joffe folgt nun eine Passage, die keinen allzu krassen Unsinn enthält, wenn man davon absieht, dass er Literaturkritikern Vorhaltungen dafür macht, dass sie die Causa unter literarischen Gesichtspunkten bewerten und nicht unter rechtlichen.

Fremde Federn

Was man Hegemann am ehesten vorwerfen kann, bezeichnet Joffe mit „verweislose Aneignung“ sehr gut, wobei ich den Aspekt der Aneignung entscheidend finde. Dass die Verweise fehlen, ist das eine. In der Wissenschaft sind Zitate ohne Verweis per Konvention und sinnvollerweise verboten. In der Kunst ist das nicht so, jedenfalls nicht für mein Kunstempfinden. Viele, die man heute als literarische Größen feiert, wären womöglich nie entdeckt worden, wenn sie so uncool gewesen wären, ihre Textquellen zu listen. Manchmal besteht der literarische Wert einer Übernahme ja auch darin, den Leser die Quelle selbst finden zu lassen. Stichwort Anspielung, Stichwort Verweis, Stichwort Insider, Stichwort soziale Dynamik innerhalb von geistigen Milieus, Stichwort Knuffen in die Seite. Ich benutze variierend auch andauernd Formulierungen, die ich von anderen habe, z.B. Max Goldt, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen. Schon der Übergang zwischen Inspiration und Textübernahme ist fließend. Auf der Ebene kurzer Textfragmente wie Sätzen, Idiomen oder Wörtern ist sogar der Übergang zwischen Textübernahme und ganz normalem Sprachwandel fließend.

Das alles ist eben keine Aneignung. Um statt „Aneignung“ eine Formulierung zu wählen, die ohne Eigentumsmetapher auskommt: Man schmückt sich nicht mit fremdem Federn. Man geht von einer Leserschaft aus, die die Fähigkeit hat, die Quellen zu erkennen, und schmückt sich im Falle von Zitaten nicht mit Worten, sondern mit deren Kenntnis. Nun kann man sagen, Hegemann hätte von keiner Leserschaft ausgehen dürfen, die Airens Blog kennt. Aber es ist nicht klar, ob sie wissen konnte, dass ihr Buch für ein paar Wochen außerhalb der entsprechenden Kreise deutlich bekannter sein würde als Airens Schriften.

Selbst einen Roman, der völlig aus Schnipseln fremder Werke besteht, würde ich nicht als Plagiat bezeichnen, wenn der Autor zwar das Gesamtwerk, nicht aber die einzelnen Schnipsel als seine eigenen ausgibt. Wenn er zu seinen Methoden steht. Es ist der Eindruck entstanden, dass Helene Hegemann nicht zu ihren Methoden stehen, dass sie sie verbergen wollte, bevor die Textübernahmen publik wurden. Wenn das stimmt, ist es wirklich ein Makel. So oder so ist sie mit der Situation nicht gut umgegangen, da stimme ich Joffe sogar mal zu: „Von der Autorin wünscht man sich ein Quantum an Zerknirschung oder, wie es früher hieß: »Wohlanständigkeit«.“

Worte sind kein Eigentum

Wendet sich Joffe nun also der menschlichen Seite zu und ist mit der Zurschaustellung verbreiteter mangelnder juristischer Intelligenz fertig? Leider nein, zwei Sätze später muss ich mir wieder schreiend aufs Hirn greifen: „Sie empfinde es nicht als »geklaut, weil ich ja das ganze Material in einen völlig anderen und eigenen Kontext eingebaut habe«. Ist der Vergaser nicht geklaut, wenn ich ihn in mein Auto einbaue?“ Tja… was soll man dazu noch sagen. Als ich zuletzt nachgeguckt habe, waren zumindest in meinem Exemplar von Strobo alle von Hegemann „geklauten“ Passagen noch vorhanden. Was ich von dem Vergaser, der mir letztes Jahr geklaut wurde, leider nicht behaupten kann. Danke, Herr Joffe, Sie haben gerade selbst demonstriert, wie unsinnig es ist, „geistiges Eigentum“ wörtlich zu interpretieren.

Doch Joffe lässt sich ja von niemandem belehren, auch nicht von sich selbst: „Warum dann zwischen geistigem und materiellem Eigentum unterscheiden? (…) Die Trennung lässt sich nicht durchhalten, nicht in einer Welt, in der die Leistung einer Wirtschaft nur noch zu zwanzig Prozent aus »Dingen« – Autos, Äpfeln, iPods – besteht. Die anderen achtzig Prozent im weitesten Sinne »geistiges Eigentum« sind, die Hauptwertschöpfer des 21. Jahrhunderts.“ Mich würde interessieren, woher er diese Zahlen hat und ob er, bevor er diese Tatsache auf dem Altar der Polemik opferte, wenigstens daran gedacht hat, dass die „zwanzig Prozent“ aus der Übertragung von Eigentum bestehen, die „achtzig Prozent“ hingegen ganz bestimmt ganz überwiegend aus der Gewährung von Nutzungsrechten an geistigem Material. Auch wenn ein Patent verkauft wird, wird nicht die Idee verkauft – die ist vor wie nach dem Kauf in beiden Köpfen – sondern ein exklusives Nutzungsrecht. Entsprechend lassen sich auch keine Worte besitzen, sondern höchstens das Recht, bestimmte Kombinationen von Worten in bestimmter Weise öffentlich zu verwenden. Wenn die Hauptwertschöpfer des 21. Jahrhunderts tatsächlich geistiger Natur sind, ist es umso wichtiger, den Unterschied zwischen Eigentumsrecht und Urheberrecht zu kennen.

Und andere Unterschiede auch, wie den zwischen Urheberrecht und Copyright, auf den ich hier jetzt mal nicht eingegangen bin.

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Dienstag, 10. Februar 2009

Spoiler-Warnung

Im Folgenden werden Details zur Handlung verraten, die erst gegen Ende des Buches rauskommen. Wen das stört, der lese nicht weiter. Das Buch aber sei empfohlen.

(weiterlesen…)

Mein Beitrag zur Wikipedia-Spendenaktion

Montag, 22. Dezember 2008
Goldtzitat in der Wikimedia-Contribution-History

Das Zitat wollte ich schon lange mal angebracht haben. Leider konnte ich nicht den ganz genauen Wortlaut anbringen, weil ich Max Goldts Verteidigung der Besserwisserei bisher nur von Lesungen kenne.

Ein bisschen Kritik muss bei dieser Gelegenheit aber auch sein: Die Wikipädie könnte so viel mehr sein als eine Enzyklopädie – nicht nur technisch und sozial, sondern auch inhaltlich. Sie sträubt sich aber ein wenig dagegen. In der deutschen Ausgabe stört mich schon lange eine Sorte von Benutzern, die ich gerne die Relevanznazis nenne. Die kennen kein größeres Vergnügen als alles von Admins löschen zu lassen, was nicht „enzyklopädisch relevant“ ist – von Studenten organisierte Fachtagungen etwa. Die englische Wikipädie kam mir da lange viel lockerer vor, aber auch da lese ich in letzter Zeit immer häufiger „This article or section may contain content that is not appropriate for an encyclopedia.“ Ich hege ja Sympathie für die Auffassung, dass Freies Wissen unteilbar ist und dass, wer von Quantendynamik spricht, von recurring characters in vergessenen 80er-Jahre-Sitcoms  nicht schweigen sollte. Wird man eines Tages einen Parallelwikikosmos, eine Irrelepedia gründen müssen?

Träume aufschreiben

Dienstag, 08. Juli 2008

Ich habe es eine Zeitlang getan,

gesteht Max Goldt in seinem Tagebucheintrag „Daß sich Träume an‑ und abstellen lassen“ (“Wenn man einen weißen Anzug anhat“, Rowohlt 2002),

empfand die aufgeschriebenen Träume beim späteren Lesen aber als albern und ausgedacht klingend und dachte dann, wenn sie eh ausgedacht klingen, braucht man sich nicht schlaftrunken an den Schreibtisch zu zwingen, sondern kann sich im wachen Zustand, wenn man z. B. eh gerade am Schreibtisch sitzt, wirklich welche ausdenken: Ich kletterte auf eine Linde, und oben im Baum saß Frau Borowka, die verhaßte Retusche-Lehrerin aus meiner abgebrochenen Fotografenausbildung. Die gibt mir ein altes Hochzeitsfoto. (…) Das Foto ist natürlich stark bekleckert, denn Retuschelehrerinnen geben einem immer extra bekleckerte Fotos, da man die Kleckse ja wegretuschieren soll (…). Ich steige von der Linde runter, schaue noch einmal hoch und bemerke, daß die Linde gar keine Linde ist, sondern der Zehnmetersprungturm im Freibad von Göttingen-Weende.

Das klingt in der Tat ausgedacht – der Retuschelehrerinnensyllogismus ist viel zu logisch für einen Traum. Was in Träumen als logisch dargestellt wird, sind einem Wachen unergründliche Schlüsse. Und das mit dem Zehnmetersprungturm ist eine schwache Nachmache in Träumen üblicherweise stattfindender Verwandlungen von Personen, Dingen und Orten. Authentischer hätte es geklungen, wenn er von dem Baum schon als von einem Sprungturm heruntergeklettert oder –gesprungen wäre. Die These, das man sich Träume genausogut ausdenken kann, bricht dann im Folgenden zusammen, als Goldt einen echten Traum schildert:

Ich war in einem Gebäude zugange, das etwas mit einer autoritären Sekte zu tun hatte. Es gab ein Gerücht, daß man irgendwo in dem Gebäude zur Willensbetäubung „besprüht“ wird.

Wunderbar! Exzellent! Das ist typisch Traum! „Gerücht“, das steht gewiss für das diffuse Wissen unbekannter Quelle, das man in Träumen hat, und dann diese originell deplatzierte Terminologie wie „besprüht“! An so was erkennt man Träume! Ein wunderbares Beispiel ist auch Markus Riexingers Text „Ein spannendes Fußballspiel“, der in der Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ in der Titanic veröffentlicht wurde.

Sollte ich einmal den Nerv entwickeln, Beispiele aus der eigenen Erfahrung abzutippen, werden Sie, liebe Leser, davon erfahren.

Eintrag 228

Mittwoch, 21. Mai 2008

Ein besonders schönes Ziel für Parodien sind Predigten, die mit wackeligen Analogien vom Alltag zu Gott überleiten. In einem katholischen Kirchenblatt las ich mal eine besinnliche Spalte über Sterne am Himmel und Stars im Fernsehen. „Bei all dem Strahlen, das von George Clooney, Madonna oder Drew Barrymore auszugehen scheint“, schloss sie sinngemäß, „sollten wir eines nicht vergessen: Sterne leuchten nicht aus eigener Kraft. Sie reflektieren nur das Licht der Sonne.“ FAIL. So etwas funktioniert nicht nur mit Astronomie, sondern auch mit Fremdsprachen. Hier sind evangelische Pfarrer im Vorteil, sie haben nämlich mitunter Kinder, an denen sie ihre Ausführungen testen können. So konnte ich meinen Vater einmal davor bewahren „The godfather of jazz“ mit „Der Gottvater des Jazz“ zu übersetzen. Andere Pannen sind unsubtiler und passieren auch noch: Ein Pfarrer griff sich aus dem Schatz des Alltags das burn-out-Syndrom heraus und ließ die Gemeinde wissen, dass auch Jesus für uns „ausgeboren“ sei (via belauscht.de). Ich lag unter dem Tisch, als ich das las, stellt sich hier doch nicht nur die Frage nach Hochwürdens Englischwörterbuch, sondern auch die nach seinen Drogen. Der liebste Wonnegraus sind mir aber die vielen kleinen Wortspiele, wenn sie mit einem staatstragendem Ernst gepredigt werden, der verleugnet, dass sie nur Spiele sind. Die verschiedenen Bedeutungen von aufbrechen miteinander zu verquicken, etwa wenn Abraham nach Kanaan aufbricht und in ihm ein Pfropfen aufbricht, ist ja plausibel und geistreich, alles schön und gut. Ich bin kein großer Kirchgänger und weiß nicht, ob es stimmt, aber osmotisch aufgenommenes popkulturelles Halbwissen lässt mich vermuten, dass Pfarrerinnen und Pfarrer solche Muster oft ad absurdum reiten. Da ich gerade kein gutes Beispiel zur Hand habe, denke ich mir ein dämliches aus: „Und plötzlich ver-steht Jakob. Es ist, als hätte Gott einen Schalter umgelegt, etwas in ihm ver-stellt.“ Max Goldt hat dies in dem wunderbaren Text Die Ansprache des Bahnhofsbischofs (Lesungsmitschnitt auf der CD Die Aschenbechergymnastik) minimalistisch parodiert, indem er einen Doppelsinn nicht einmal andeutet, aber trotzdem das Präfix eines Präfixverbs und die Partikel eines Partikelverbs so betont und absetzt, als gäbe es einen: „Auf einem Bahnhof, wo Menschen auf dem Wege sind, wo Menschen an-kommen, vor schwierigen Ent-scheidungen stehen oder gerade Schwieriges ent-schieden haben.“

Vaniloquium

Sonntag, 04. Mai 2008

Der Titel bedeutet „leeres Geschwätz“ und der Einband sieht aus wie eine Infobroschüre aus der Apotheke. Ironie? Möchte ich meinen. Der großartige Zeze hat da in Anlehnung an etwas Früheres, Periodisches ein einmaliges literarisches Sammelprojekt heraufbeschworen, das sich jetzt auf Papier manifestiert hat, das Vaniloquium. Auch ich durfte einen Beitrag leisten – ich leistete einen bescheidenen, gerade unter den anderen Beiträgen, den hervorragenden, wie zum Beispiel Carola Grafs beiden Briefen an Berta. Ich habe mich sehr gefreut, als ich vor knapp zwei Wochen mein Freiexemplar in Händen hielt, und möchte dafür werben, unter http://www.zerebralzebra.de/v01.htm auch das ein oder andere unfreie Exemplar zu erwerben.

Sergius und Virata

Dienstag, 26. Februar 2008

Ich lese gerade die Erzählung Pater Sergius von Lew Tolstoi. Der Titelheld ist ein Mann, der erst als Kaufmann, dann als Ordensbruder, dann als Einsiedler mit seinem Hochmut kämpft. Als Einsiedler wird er berühmt – da fühlte ich mich an Stefan Zweigs wunderbare Erzählung Die Augen des ewigen Bruders erinnert, in der dem Protagonisten Virata als Einsiedler Ähnliches widerfährt. Und die Parallelen gehen tiefer: Virata und Sergius sind Menschen, die in ihrem Streben nach einem moralisch einwandfreien Leben nie zur Ruhe kommen. Nach alltäglichen Maßstäben sind sie verrückt. Virata zieht sich immer weiter zurück, weil er, egal, wie er sich verhält, immer noch das Leid sieht, dass er anderen Menschen zufügt, und vergeblich versucht, das Schuldigwerden gänzlich abzustellen. Erst als er sich so verhält, dass er nicht mehr durch Selbstlosigkeit die Bewunderung der Menschen auf sich zieht, sondern durch Selbstentwürdigung ihre Verachtung und ihr Vergessen, kommt er seinem Ziel nahe – keinem Menschen mehr zu schaden. Zweigs Held ist mir sympathischer als Tolstois. Bei dem steht immer Gott zwischen ihm und den anderen Menschen – stellenweise besteht Sergius‘ Konflikt gerade darin, dass das gottgefällige Leben eben nicht unbedingt das Leben ist, das den anderen Menschen am meisten hilft. Pater Sergius, wie überhaupt Tolstois späte Erzählungen mit ihrem stickigen Christentum und ihrer Fixierung auf Sexualmoral, muss man nicht gelesen haben. Die Augen des ewigen Bruders hingegen besorgt sich das kluge Lesefröschchen, wenn es sie noch nicht kennt, am besten noch heute.

Die Vermessung der Welt

Dienstag, 27. November 2007

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann ist eins meiner Lieblingsbücher. Das Wichtigste über seinen Inhalt ist in zahllosen Rezensionen enthalten, daher hier nur zwei Aspekte, die mir besonders gut gefallen. Es gibt viele Dialoge, aber sie sind ausnahmslos in indirekter Rede abgefasst. Schön mit Konjunktiv Ⅰ. Dieses eher ungewöhnliche Stilmittel ist für herrliche Komik gut. Zum Beispiel wird Alexander von Humboldt auf Seite 127 gebeten, etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Auch kommt ein komisches Stilmittel mehrfach zum Einsatz, das Homer Simpson so beschreibt: „He lived in mideval times, but sometimes he said things from today time.“ Also ganz subtile verbale Anachronismen, die eine Pointe enthalten, wenn man heute lebt. Ein schlechtes Beispiel, aber eine gute Stelle – und sie hat natürlich, wie könnte es bei mir anders sein, wieder mit Sprache zu tun – ist Seite 64, wo die Wurzeln einer fachsprachlichen Verschrobenheit erfunden werden:

Am nächsten Morgen klopfte jemand an seine Tür. Ein Junge stand draußen, sah mit aufmerksamen Augen zu ihm auf und fragte, ob er mitfliegen dürfe.

Mitfahren, sagte Pilâtre. Mit dem Ballon fahre man. Man sage nicht fliegen, sondern fahren. So sei es Sitte unter Ballonleuten.

Welchen Ballonleuten?

Er sei der erste, sagte Pilâtre, und er habe es so verfügt. Und nein, natürlich könne keiner mitfahren.