Archiv für die Kategorie ‘Film’

Frost/Nixon

Donnerstag, 19. November 2009

Frost/Nixon (Ron Howard, 2008) gesehen, gebannt gewesen. Richard Frost (gespielt von Michael Sheen), ein britischer Playboy und Fernsehentertainer, nimmt es auf eigenes unternehmerisches Risiko mit einem dicken Fisch auf, dem amerikanischen Skandalpräsidenten Richard Nixon. Er gewinnt Nixon für das erste große Fernsehinterview seit dessen Rücktritt vor drei Jahren. Im Laufe der Vorbereitungen wächst der Druck auf Frost beträchtlich an: Er muss Nixon Sensationelles entlocken, ein Schuldeingeständnis etwa, damit sich die Sendung an die Fernsehsender verkaufen lässt.

Für James Reston (gespielt von Sam Rockwell) ist das keine Frage des Erfolgs, sondern der Ehre. Der von Frost für die Recherchen angeheuerte Journalist kommt in den ersten Sekunden seines Auftritts als unscheinbarer Gelehrter rüber, dann dreht er richtig auf: Dieser Job ist die Gelegenheit, Nixon den Prozess zu machen, den er nie hatte! Sonst macht er’s nicht! Die Bombe von Intellekt und Idealismus, die Reston zündet, machte ihn mir sofort sympathisch. Sein Kollege Bob Zelnick (Oliver Platt) bleibt eine blasse Figur, teilt aber Restons journalistische Berufsehre und steht mit dem Satz „Yeah, he said ‚performer‘“ extrem genial im Mittelpunkt der lustigsten Szene im Film, in der der die Kulturen Kritischer Journalismus und Entertainment wuchtig zusammenprallen.

John Birt (Matthew Macfayden), Frosts Produzent, steht hier auf interessante Weise zwischen den Lagern. Einerseits muss er den verspielten, optimistischen, zum Leichtsinn neigenden Frost auf dem Teppich halten, andererseits Reston und Zelnick beibiegen, dass sie im Showgeschäft Abstriche bei ihren Idealen machen müssen.

Schließlich Richard Nixon, den Frank Langella im Vergleich zum echten Nixon (Schnipsel aus dem historischen Interview gibt’s bei YouTube) geradezu senil spielt. Trotzdem schwadroniert er Frost gekonnt an die Wand, plötzlich ein verkrampft dasitzendes Männchen mit versteinertem Lächeln, das noch nicht einmal sein Handwerk versteht. So geht es im ersten Interview und auch im zweiten und auch im dritten. Nixon stellt sich dar als der gutmütige, leutselige nuschelnde Opa, der insgesamt doch ein feiner Präsident war und auf den Amerika allmählich anfangen sollte, stolz zu sein. Seine brillante Rhetorik stellt der Film glaubhaft dar. Frosts Totalversagen ist dagegen unglaubwürdig, weil nicht nachvollziehbar. Das ist für mich die zentrale Schwäche des Films.

Im vierten Interview passiert die Wendung, der Mythos: Frost gewinnt die Oberhand und lockt Nixon aufs Glatteis, wo er sich die Worte „I’m saying that when the president does it, it’s not illegal“ leistet, dann aber endlich ein Schuldeingeständnis ablegt, mit dem niemand gerechnet hatte (historisch stimmt das so nicht). Frosts Waffe, mit der er Nixon aus der Fassung bringt, sind neue Informationen zu einem weiteren Gesetzesverstoß, auf deren Spur er mit Hilfe eines drunk call Nixons und Restons Recherchewut gestoßen ist (das stimmt historisch so wohl schon gar nicht). Im Film jedenfalls wird das vierte Interview zu Frosts strahlendem, alles Zusteuern auf das Fiasko vergessen machenden Erfolg, für Nixons Sykophanten und Familie eine Schmach, für den Altpräsidenten selbst jedoch ein befreiendes Erlebnis.

Sehr berührend fand ich dann die Schlussszene, wo Frost und seine Frischvermählte Nixon noch einmal besuchen, der nun, so scheint es, wirklich zum alten Mann geworden ist und dankbare Zuneigung für seinen jugendlichen Bezwinger empfindet. Frost ist nun sehr distanziert. Er setzt Nixons Jovlalität das gleiche versteinerte Lächeln entgegen wie in den Interviews, nur dass es jetzt nicht mehr Nervosität ausdrückt. Sondern kalten Triumph und Hohn? Oder ein schlechtes Gewissen, auf Kosten dieses alten Mannes die eigene Karriere in Gang gesetzt zu haben? Man durchschaut ihn nicht mehr.

Filmkritik

Freitag, 26. September 2008

Unter dem, was Matrix Revolutions alles versägt, versäumt, verspielt, verbaselt, vertut, vergibt, verfehlt und vermissen lässt, ist für jeden Geschmack etwas dabei.

Paris

Sonntag, 03. August 2008

After a day with a stupendous absence of productivity, tonight Ⅰ finally got the flat-hunting for my upcoming semester in Paris going. Let’s celebrate this with my favorite Paris movie:

Ein kleines Donnerwetter

Montag, 30. Juni 2008

Auf der offiziellen deutschen Website zu dem wunderbaren, mit keinem Raster zu fassenden, unbedingt empfehlenswerten schwedischen Film Das jüngste Gewitter steht folgende Inhaltsangabe:

Da ist beispielsweise die junge Frau, die sich die Hochzeit mit einem begehrenswerten, aber unerreichbaren Rockmusiker erträumt. Oder der Psychologe, der es nicht mehr erträgt, seine Patienten mit ihren eingebildeten Krankheiten zu behandeln. Oder der Frisör, der sich an einem ungehobelten Kunden mit einer Skinheadfrisur rächt. Oder der Familienvater, der sich an einer langen Tafel am Tischtucktrick versucht und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt wird.

Der „unerreichbare Rockmusiker“ ist Gitarrist und Sänger einer Schülerband, den die junge Frau in der Stammkneipe anspricht. Der „Psychologe“ ist ein Psychiater und es sind nicht die eingebildeten Krankheiten, die er nicht mehr erträgt, sondern die Schlechtigkeit seiner Patienten und die Sinnlosigkeit ihres Wunsches nach Glück. Die Glatze ist nicht die Rache, sondern ein Versöhnungsangebot des Frisörs, nachdem er – das war die Rache – seinem ungehobelten Kunden eine kahle Schneise über den Kopf rasiert hat. Und dass der Mann mit dem Tischtuchtrick ein Familienvater sei, kommt im Film nicht vor.

Es ist nicht leicht, irgendetwas über den Film zu schreiben, das ihm gerecht wird. Eine Inhaltsangabe, in der jeder Satz sachlich falsch ist, ist aber schon eine Leistung.

Where Are They Now?

Freitag, 04. April 2008

Für mich persönlich war die Matrix-Trilogie der letzte Kontakt mit Keanu Reeves, den Wachowski-Brüdern und der Idee, dass eine elitäre Gruppe von Guten sich über physikalische Gesetze hinwegsetzt. Gestern im Kino, während der Vorschauen, bin ich allen dreien wieder begegnet: Ersterer spielt jetzt einen Cop in Street Kings, die zweiteren beiden bringen demnächst einen unglaublich bonbonfarbenen Film raus und letztere treibt sich bald in einem neuen Film rum, in dessen Trailer am Anfang eine Frau vor einer Zielscheibe steht und der Held um sie herum schießen soll. Der Titel war… kurz. Machte einen interessanten Eindruck.

Ring

Donnerstag, 06. September 2007

Gutes über hervorragende Filme, Folge 3: Ring (Gore Verbinski, 2002). Auch dieser Film hat mich überrascht. Überrascht, dass es einen Horrorfilm gibt, der mich nicht zu Tode langweilt. Verzeihung, das ist nicht eben mein Genre, ich habe nicht viel und ansonsten fast nur Müll gesehen. Doch, warten Sie mal: Friedhof der Kuscheltiere war ganz gut – die Skorbut-Schwester im Dachgeschoss, das war wirklich gelungener Grusel. An Ring hat mir erstens die Idee gefallen: Ein Video ominöser Herkunft, das die Leute, die es sich ansehen, tötet. Das ist ja so etwas ähnliches wie ein „Todesspruch“, der sich in der Fantasy-Literatur findet: Wer ihn liest, ist verflucht und stirbt binnen Kurzem. Solche Sachen finde ich gruselig, weil ich neugierig und ein Fan von freiem Informationsfluss bin – schon Geheimhaltungsvorschriften und Digital Rights Management scheinen mir nicht ganz von dieser Welt zu sein, da ist ein Video, von dessen Inhalt man nicht Kenntnis erlangen kann, ohne eine Woche Todesangst zu investieren und sodann sein Leben zu geben, erst recht beängstigend.

Da die tödliche Wirkung fiktiv ist, unterliegt der Filmzuschauer nicht dieser Beschränkung und kann sich das verzerrte, rauschende Schwarzweißvideo ansehen, mit dem Hollywood die Idee umgesetzt hat. Und siehe da: Auch das Video selbst ist schön beklemmend in seiner Wirkung, ähnlich wie Un chien andalou: Eine surrealistische Bilderaneinanderreihung, die viel zu bedeuten scheint, aber man hat keine Ahnung, was. Atmosphärisch gruselt das Band, indem es dem Film alles antut, was die analoge Magnetoskopie vermag: Bild‑ und Tonrauschen, Flackern und verformte Bildteile, als zerrte das Bild an seiner Leine und wollte aus der Mattscheibe ausbrechen. Die Videokassette ist sowohl ein technischer Gegenstand als auch ein jenseitiges Artefakt, und beide Rollen vermengen sich. Zum Beispiel kann man den Fluch von sich nehmen, indem man das Band kopiert und einem anderen Unglücklichen zu sehen gibt. Und Rachel Keller entlockt dem Magnetband mit moderner Videotechnik (wo die Verzerrung justierbar ist) deutlichere Hinweise auf sein düsteres Geheimnis.

Auch die Angst der anfänglichen Protagonistinnen vor den Mattscheiben, die ein Eigenleben führen und schließlich den Tod bringen, gelingt dem Film trefflich auf den Zuschauer zu übertragen. So weit noch alles schön subtil für meinen Geschmack. Leider ist das Ende deutlich holzhammermäßiger – wo dann die arthritische Leiche mit ihrer Metal-Frisur aus dem Fernseher gekrochen kommt – konnte aber meine Begeisterung nicht vergällen.

Das Sams

Dienstag, 04. September 2007

Gutes über hervorragende Filme, Folge 2: Das Sams (Ben Verbong, 2001). Grob gesagt eine Verfilmung der ersten drei Bände von Paul Maars zu Recht beliebter Sams-Reihe. Ich hatte diese Bände als Kind mehrfach verschlungen und hätte jeden, der mir prophezeit hätte, der Film werde sie alle drei umfassen und an Handlung vielleicht manches weg‑, aber nicht vermissen lassen, skeptisch von der Seite angeschaut. Hätte er dann noch gesagt, die filmische Umsetzung werde vor Eyecandy strotzen, die gesichtslose Stadt, in der Herr Taschenbier wohnt, durch die urige Kulisse Bambergs ersetzen, den schüchternen Niemand in einem beinahe herrschaftlich positionierten Eckhaus unterbringen (aber er ist ja nur Mieter bei der dominanten Frau Rotkohl, passt also), die blasse, schablonenhafte Rechenfirma aus den Büchern durch eine Regenschirmfabrik mit Belastungstestlabor ersetzen und gleichzeitig den Inhalten und Charakteren der Bücher völlig gerecht werden – Christine Urspruch und Ulrich Noethen verkörpern das Sams und Herrn Taschenbier mit Bravour – ich hätte ihm einen Vogel gezeigt. Hätte er mir weiterhin eröffnet, in die 98 Minuten passten außerdem noch die Doppelgänger-Szene aus dem vierten Band (mit Bruno statt Martin Taschenbier und Margarete März statt Tina Holler) und eine wahre Fülle ganz neuer Ideen (Herr Lürcher als Spießer mit Försterhütchen und Tuba, ein im Flugzeug ausgesetztes Sams, Herrn Taschenbiers Tanzeinlage im Restaurant…), hätte ich den Irrenalarm ausgelöst. Um zu glauben, dass man drei turbulente, hochwertige Kinderbücher in ihre besten Szenen zersägen, jedes einzelne Stück mit allen Registern cineastisch aufjazzen und aus ihnen wie aus Bauklötzen in völlig neuer Anordnung einen so runden, stimmigen und unterhaltsamen Film zusammensetzen kann, musste ich ihn sehen. Tun Sie das bitte auch.

Der Nachfolger Sams in Gefahr ist dann übrigens leider misslungen. Er stützte sich nur noch auf zwei Sams-Bücher, warf aber vieles davon weg und jazzte den Rest zu Tode. Eyecandy wie ein Modell des Sonnensystems in der Schule, einen Rollschuhpalast und einen völlig spinnerten Dominique Horwitz an der Stelle des ethisch herausgeforderten Sportlehrers Daume konnte ich mangels funktionierender Handlung nur noch als heiße Luft auffassen.

Match Point

Montag, 03. September 2007

Gutes über hervorragende Filme, Folge 1: Match Point (Woody Allen, 2005). An dem Film wird kritisiert, dass er sehr lange braucht, um in die Gänge zu kommen. Es ist aber genau das Tempo, das den Zuschauer mitten hineinführt in die Dilemmen und Entscheidungen des Aufsteigers Chris Wilton. Immer mehr bangt und fiebert man mit, bis zu einem Punkt, an dem man sich völlig mit einem Mörder mehrerer Unschuldiger identifiziert. Das muss einem ein Film erst mal bieten. Noch genialer ist der Schluss: Die nervenzerfetzende Spannung, ob Wilton seine Schuld wird verbergen können, der Schnitt auf den hochfahrenden Polizisten, die Reaktion seiner Ehefrau (für mich der Höhepunkt des Films) und schließlich der meisterlich erdachte Twist in der Tennisballmetapher.

Fahrenheit 9⁄11

Montag, 01. November 2004

Ich war so kurz davor, behaupten zu können, Fahrenheit 9⁄11 ganz gesehen zu haben, und eine halbe Stunde vor dem Ende warf ich das Handtuch, machte den Fernseher aus. Am Anfang war der Film ja ganz lustig, diese informative Busch-Verarsche, aber was dann kam… eine völlig farblose, langweilige Dokumentation des Irak-Kriegs, bei der ich mich fragte: „Bin ich auf dem Gebiet viel beschlagener, als ich dachte, oder ist das hier einfach nicht die Spur informativ?“ Als dann schließlich nur noch stundenlang die dumme, patriotische Mutter irgendeines gefallenen Soldaten interviewt wurde, die so spannende Sachen erzählte wie die, mit welcher Farbe sie sich gerade die Nägel lackierte, als sie erfuhr, wo ihr Sohn stationiert würde (bildlich gesprochen), habe ich es einfach nicht mehr ausgehalten.

So lange der Film einige Amerikaner dazu bringt, Bush nicht zu wählen, hat er für mich seinen Zweck erfüllt.